Heike Grüning ~ Kolumne

Kolumne GESTALTWANDLER © Heike Grüning
in Zusammenarbeit mit Tochter Maria Grüning

Willi Winter sucht Sonja Sommer

Willi Winter ist ein alter Knabe von 27 Jahren, der noch bei Mutti lebt - noch! Im Moment deutet sich eher ein kontinuierliches Dahinscheiden an - nützlich zwar, aber immer toter.

Und das kam so: Grundsätzlich faul in Bezug auf jede körperliche Bewegung und ebenso grundsätzlich als alleinherrschendes Einzelkind verwöhnt, erkannte Willi Winter schon in jungen Jahren den Computer als Liebesobjekt und Alibi-Arbeit.

Tagein, tagaus, bewegungsarm und wechselwarm gestaltete er sein hightechreduziertes Leben vom Account über perfide Hijackerspielchen und lüsternes Abchillen als Lurker bis hin zum hochqualifizierten Master eines Zombie-PCs. Dabei dümpelte der Lebensraum lichtscheu vor sich hin und allmählich wurde W.W. selber zur lebenden Leiche: fett, blass, pickelig.

Mama Winter war nicht nur Anti-Aging-Expertin, sondern konsequent am gepflegten Weiterleben ihres dicken Prinzen interessiert und so stellte sie ihn um: seinen Arbeitsplatz samt neuem licht- und wasserresistenten Notebook in den sonnendurchfluteten Wintergarten und seine Ernährung vorzugsweise auf ein Algenkonzentrat aus Cyanobakterien.

"Willi Winter" (Heike Grüning, 2008)Schon bald geschah etwas Wunderbares: Das Körpervolumen unseres Willis nahm hübsch ab und die Grünfärbung der Haut nahm hübsch zu. Erst nur ein wenig, aber bald rief Mama W. immer öfter in den grünen Blätterwald des Wintergartens: "Junge, wo bist du denn?"

Erste sorgenvolle Gedanken quälten die gute Mutti, als sich auf Willis Haut kleine Spaltöffnungen zum CO-2-Austausch bildeten und er ständig ein Wasserbad für die Füße verlangte.

Schließlich entwickelte der blassgrüne Mann eine extreme Mimosenart. Wenn auch nur ein Florfliegelein die Haarspitzen berührte, verkroch er sich förmlich in sich selbst. Als seine Tugordrücke dermaßen sanken, dass mit einer totalen Erschlaffung gerechnet werden musste, konnte der beste Freund des grünen Tempels, der Gärtner, mit Düngerstäbchen und noch mehr Wasserbädern das Schlimmste verhindern.

Willi Winter war wieder glücklich. Am Tag im warmen, energiereichen Sonnenlicht, bei Nacht unter dem wohligen Schein der UV-Strahler  bearbeitete er seine eigene Struktur am Computer - sein evolutionäres Design!

Dann sorgte der Zufall für den Notfall: Es wurde Nacht, der Strom fiel aus und damit das Licht. W.W. erstarrte demzufolge in nicht mehr steuerbarer Bewegungslosigkeit und Mamas nachtaktives Meerschweinchen entdeckte mit verfressener Spürnase unseren Photosynthetiker als Nahrungsquelle.

Ja, bis zum Morgen ist noch viel Zeit und alle anderen schlafen ahnungslos. Willi Winter aber, kann sich nicht wehren und stöhnt in ohnmächtigem Entsetzen: "Oh Gott, ich werde angeknabbert! Oh Gott, es werde Licht!"

Was hat das alles mit der Überschrift zu tun? Hätte Willi Winter statt seines PCs eine Sonja Sommer geliebt, wäre er noch vollständig.

Veröffentlicht in: medium² - kasseler asta + zeitung (Juni 2008).

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Survival of the fittest

Ach, wie war ich immer stolz auf unsere Zivilisation. In nur 50000 Jährchen ist es uns gelungen, den Faustkeil dermaßen zu technisieren, dass wir uns selbst gar nicht mehr weiterentwickeln brauchen. Schneller, höher, weiter - Hightech machts möglich. Okay, ein paar Umweltsünden gehen schon auf unser Konto, aber wo gehobelt, wird fallen Späne.

Alles ist bestens - und dann tauchen diese Wichte auf. Diese widerlich fröhlichen, hassenswert sorglosen, im wahrsten Sinne des Wortes unfassbaren Zwerge, die den ganzen lieben Tag lang nichts weiter tun als sich zu amüsieren.

Schon etliche Tage und insbesondere Nächte waren meine Frau und ich verwundert über die Alleingänge unseres Bewegungsmelders im oberen Treppenhaus, der eigentlich nur dann Licht machen sollte, wenn eine bewegliche Wärmequelle seinen Sensor durchquert. Spinnen und sowas zählt nicht. Aber wenn wir nicht gerade Schlafgäste haben, gibt es da oben nichts und niemanden, um das Gerät auszulösen.

Und dann stehe ich mal nachts im Schlafanzug am Fuß der Treppe und stiere so grübelnd nach oben ins Licht, dass da gar nicht leuchten dürfte und sehe plötzlich was: Einen Meter groß steht da wer - ein Kind - denke ich erst, ein durchsichtiges Kind mit dickem Bauch und entgleisenden Gesichtszügen. Alles an dem Wicht ist irgendwie in Bewegung, wabert so rum. Seine Schlitzaugen fixieren mich und meine Nackenhaare verselbständigen sich. Ich hauche heiser in Richtung Schlafzimmertür den Namen meiner Frau und sie taucht auf - auch eine etwas verrutschte nächtliche Erscheinung - und ich zeige ganz, ganz vorsichtig mit meiner linken Hand nach oben und Anja blinzelt meiner Hand hinterher und nach einer sehr zähen Sekunde entstehen in ihrem Gesicht drei Ohs: zwei große Augen und ein runder Mund.

Meine Erleichterung ist kolossal, denn irgendwie habe ich wohl befürchtet, mit der Erscheinung mutterseelenallein in die "Geschlossene" abwandern zu müssen. Nein, wir sehn sie beide und besonders oft - eigentlich inzwischen immer - im Garten. Im Haus sind sie scheinbar nicht so gern. Wir haben aber trotzdem keinen Sex mehr. Hätten wir noch keine Kinder, würden wir nun aussterben. Aber unsere Kinder haben auch schon Kinder, ha, ha, ha! Ja, nun sind sie also im Garten. Unsere Familie, Freunde, Bekannte, die Nachbarn können sie leider nicht sehen. Manchmal beobachte ich bei ihnen ein verwundertes über die Schulter Gucken, als hätten sie was wahrgenommen, aber dann wird das immer als optische Täuschung abgetan.

survival of the fittestDa meine Frau und ich auch nicht gemeinsam in die "Geschlossene" wollen, reden wir nicht weiter über unsere "Mitbewohner". Das ist nicht einfach, denn sie bestimmen unser Leben. Nicht, dass sie irgendwas wirklich berühren oder gar kaputtmachen.

Aber wir fühlen uns ständig beobachtet und verarscht, wenn ich das mal so sagen darf. Ich schleppe z.B. die lange Leiter zur alten Eiche und will endlich mal den einen Ast absägen, der uns schon lange die Morgensonne nimmt, wenn wir am Wochenende draußen frühstücken wollen. Obwohl wir das eigentlich gar nicht mehr machen. Anja will immer lieber drin. - Also, na ja, egal, jedenfalls steht am Fuß der Leiter so’ n klopsiger Zwerg und guckt mir zu, wie ich hochklettere. Und als ich anfange zu sägen, glotzt der mir über die Schulter! Der hat einfach seine Bauchsegmente ausgefahren wie ‘ne Hebebühne und steht jetzt ganz lang und dünn neben mir und knurrt mir unangenehm ins Ohr. Als ich fertig bin und von unten nach oben schaue, um mein Werk zu bewundern, denke ich erst, der Ast ist gar nicht ab. Ein langes Stück Ast ist nachgewachsen?

Dann sehe ich, dass irgendein anderer Wicht mit einem Teil seines Körpers die Form des abgesägten Astes angenommen hat. Und als ob die Chamäleonnummer noch nicht reicht, muss ich auch noch darüber staunen, wie der Gnom sich befestigt hat: Ein riesiges Spinnennetz vom Feinsten dient ihm als Halt. Was soll das?! Spielen die nur? Wollen die mir sagen, dass ich ein böser Baumbeschädiger bin?

Wir wissen auch gar nicht, wie viele es sind. Manchmal scheint der Garten voll zu sein - und wir haben einen großen Garten - und manchmal ist es nur einer - oder eine: Einmal lieg ich so auf der Hollywoodschaukel bei einem Nickerchen, da steigt mir das Parfüm meiner Frau in die Nase und ich denke, sie beugt sich über mich, um mir ein Aufweckküsschen zu geben. Und als ich mit süßlich blödem Grinsen anfange, ihr entgegen zu blinzeln, nehme ich zwei Anja - Kulleraugen wahr, die von extrem runzligem Leder mit bunten Fellbüscheln umrahmt sind. Ich beschreibe den Rest meiner explosionsartigen Reaktion mal als dicht am Herzkasper. War das eine Wichtin, die mich anmachen wollte oder spielen die nur oder was?!

Ich tob mit meinem Enkel durch den Garten, immer dem Ball hinterher, da düst so'n Zwerg immer mit mir in Fußhöhe rum. Den Kopf hat er fast platt an den Bauch rangezogen, den Körper so raketenmäßig verformt und unter seinen breitgelaufenen Füßen wirbelts, als hätte er Luftkissen drunter. Damit schlägt er mich locker in Tempo und Wendigkeit. Ich bin wiedermal der Loser und echt beleidigt!

Anja sagt in letzter Zeit immer so depressive Sachen wie, die Wichte würden uns doch andauernd nur vor Augen halten, dass wir körperlich nichts drauf haben. Die würden uns, wenn's hart auf hart kommt, locker fertig machen. Blah, blah, blah. Anja hat die Wechseljahre. Da ist man als Frau so. Sagen die älteren Kollegen auch dauernd von ihren Frauen. Ich sehe inzwischen eher so den Spaß mit den Zwergen. Wenn man in den Garten guckt, sieht man sorglose Fröhlichkeit. Und ich rätsle ja noch über so viele Dinge: Was und wie essen die? Was machen die mit ihrem Unrat? Ich sehe nie irgendwelchen Abfall von denen. Brauchen die keine Höhle oder sowas, wenn es mal regnet? Wie vermehren die sich?

Heute habe ich auf dem Weg zur Arbeit das erste mal Wichte außerhalb unseres Gartens gesehen. Der eine oder andere hockte am Straßenrand auf Verkehrsschildern oder kugelte übers Feld den Mähdreschern hinterher. Und hinten über der Autobahn kam ein ganzer Schwarm angeschwebt wie ein Vogelzug Paragleiter. Ich glaube ja nicht, dass die uns was tun. Haben die gar nicht nötig. Die brauchen ja nicht mal eine Zivilisation!

Heike Grüning, März 2009

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NANOMETER!

Der Schmerz hinter der Pupille hatte etwas Erotisches: erst ein kurzer Stich, dann ein Druckaufbau, dem ein sanft juckendes Abschwellen folgt und schließlich der Nachhall von etwas sehr Angenehmem. Im Laufe der Zeit entwickelte ich ein lustvoll ängstliches Warten auf den Schmerz.

Damit erklärt sich vielleicht, warum ich nicht zum Arzt gegangen bin, auch nicht, als mein Sehvermögen sich veränderte. Es wurde ja nicht schlechter - nur anders. Ich sah sogar nach und nach wieder so gut, dass meine Brille statt zur Sehhilfe zum Hindernis wurde und ich darauf verzichten musste.

Ohne Brille kam mir mein Gesicht ganz nackt vor. Sie gehörte ja als jeweils angesagtes Styling schon viele Jahre zu meinem Antlitz, das nun unvermutet auf Natürlichkeit reduziert wurde. Aber als Gegenleistung zu diesem kleinen Augenfaltenschock steigerte sich die Klarheit meines Blickes langsam ins Übernatürliche: Vom Balkon aus konnte ich die Mäuse auf dem abgeernteten Feld hinter dem Kindergarten herum wuseln sehen. Das war witzig. Ich konnte aber plötzlich auch die Bakterien im Mund meines Mannes sehen, wenn der fröhlich lachte. Das war gruselig!

Was auch immer ich sah, begann im weitesten Sinne zu leben - ein Stein, eine Tischplatte, mein Kopfkissen, mein Essen! Gott sei Dank kamen die “Anfälle” nur ab und zu, doch immer unvorhersehbar und immer anders. Verzweifelt spürte ich der Methode nach, um mögliche Auslöser zu lokalisieren. Gleichzeitig war ich fasziniert davon, dass ich so viel von dem, wofür Menschen eigentlich hocheffektive verkleinernde oder vergrößernde Optik benötigen, mit bloßem Auge sehen konnte. Doch es gelang nicht immer, in “tiefblickenden” Momenten mein normales Verhalten beizubehalten.

Mir kam zu Hilfe, dass ich mich langsam veränderte und mir eine gewisse Gewöhnungszeit blieb. So lernte ich, hysterisches Aufschreien zu unterdrücken, wenn sich während eines Kinofilmes im dunklen Saal plötzlich zwischen mir und der Leinwand viel mehr Silhouetten abzeichneten als Zuschauer im Saal saßen und jede wurde noch von neuen Erscheinungen überlagert, bis der Saal in gleißender, pulsierender Helligkeit leuchtete. Möglicher Weise hatte ich da gerade die Restwärme aller jemals in diesem Raum gewesenen Leute gesehen.

Besonders schwierig gestalteten sich meine Sozialkontakte. Bei Menschen, die mir nahe standen, konnte ich über all ihre Mikroben und hauteigenen Pilzchen wohlwollend hinwegsehen. Je mehr ich wahrnahm, desto schwerer fiel es mir allerdings gerade bei fremden Personen, ihnen ihre symbiotischen Gäste zuzugestehen.

Theoretisch weiß man ja heute schon extrem viel vom “großen Wimmeln”, aber es tatsächlich sehen zu müssen, führte bei mir zwangsläufig zu Verhaltensstörungen. Ich hatte keine Angst, aber ich fühlte mich immer schlechter, immer kleiner, irgendwie reduziert auf eine Funktion als Nährboden für viel agilere Wesen und gleichzeitig war mir, als sei ich ein Modellbaukasten - eine Variante von unendlich vielen. Wenn ich in “lichten Momenten” meine Hände betrachtete, sah ich inzwischen Elektronen und Protonen und erahnte schon dahinter noch viel Kleineres.

Dann entdeckte ich es auch: Im Kopf meines Mannes, der neben mir auf dem Sofa ein Nickerchen durchschnarchte, bauten winzige Pünktchen in wahnsinnigem Tempo an seinem Sehnerv herum, dessen Struktur sich vor meinen “Röntgenaugen” veränderte, als modellierten Kinder Regenbogenregenwürmer. Er hatte in letzter Zeit über den Verlust der roten Farbe in der Welt geklagt, aber diese Farbenblindheit als nichts Bedrohliches eingestuft. Er hatte auch durchblicken lassen, dass es ja statt des Rots heutzutage ganz andere Farben gäbe, die noch vor kurzem gar nicht existiert hätten und ich wunderte mich, weil ich trotz aller besonderen Tiefblicke nur die gewohnten Farben sah.

Als ich dann nanogenau die gleichen rasenden Pünktchen in unserem neuen Superwaschmittel entdeckte, dass schon ab 15 Grad porentief rein zu waschen versprach, dämmerte in mir eine schlimme Ahnung auf, die sich schnell bestätigte: Im Biomüsli, in der Hautcreme, im Teflonboden der Pfanne, zwischen den Strukturen meines neuen Shirts ... auf jedem verdammten Nanometer vermehrten sich die von Menschenhand losgelassenen Schimären. Oh ja, Konservierungsstoffe brauchts nicht mehr - wir experimentieren erfolgreich mit Nanoteilchen. Oder sie jetzt mit uns?

Und ich hatte Angst gehabt, mir beim Kräutersammeln auf den Wiesen einen Fuchsbandwurm einzufangen und elend daran zu krepieren!

Heike Grüning, Oktober 2009

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Der Enzymator

Bedächtig griff er nach dem Reagenzglashalter im Kühlschrank und entkorkte das Ascorbinsäureröhrchen. Dann fischte er mit der Pipette ein paar Tropfen heraus und ließ sie behutsam in das Becherglas mit dem ölig-gelben Martini fallen. Fasziniert beobachtete er, wie Schlieren vom Eiswürfel in alle Richtungen drifteten und sich dann mit den Eintrübungen der Zitronensäure verbanden, als würden sie in inniger Umarmung einen langsamen Walzer drehen wollen.

Mit der Selbstbespieglungslust eines erfolgreichen Genies betrachtete er sich in der Glasscheibe des Pharmaschrankes und dabei schlenkerte sein hagerer Körper zum Rhythmus eines inneren "Glorias".

Eigentlich planten sie im Institut ja, das Enzym Calsarcin 2 zu hemmen, um das Muskelprotein Calcineurin zu fördern. Diese Gutmenschen! Schwachen Herzen mehr Ausdauer verleihen! Weniger Kraft für die Kontraktion des Herzmuskels aufwenden müssen! Ermüdungsresistente Rentnerherzen entwickeln! Blah,blah, blah! Dem Chef schwirrten doch schon wieder mehr Dollarzeichen durchs Auge, als Farbe in der Iris zu sehen war! Aber er - der geniale Enzymator, hatte die Methode umgedreht.

Schadenfroh wanderten seine Gedanken zu Katharina und ihrem mausetoten Ehemann. Nun ist er hin, der Schönling. Und sie wird sein Schicksal demnächst teilen. Erst leiden - dann sterben! Und wenn der arrogante Kellner aus dem "Harmonie" nochmal so unharmonisch mit ihm umspringen würde, dann würde auch dem das Herzilein urplötzlich stille stehn! Genussvoll schlürfte er an seinem Drink und schwelgte in gehässiger Erinnerung an den "leckeren" Enzymcocktail, den er Katharinas Mann letzte Woche eingeschenkt hatte, als der wiedermal zum Einschleimen bei ihm aufgekreuzt war. Der Ex und der Neue in trauter Eintracht! Und dann hatte der Typ so einen plötzlichen, unerklärlichen Herzstillstand. Ach, wie tragisch! Von allen geliebt werden zu wollen, kann eben auch ein sehr tödlicher Wunsch sein.

Der EnzymatorBehaglich kuschelte sich der mörderische Biochemiker in den alten Schreibtischsessel seines privaten Kellerlabors. Er liebte die umfangreiche Ausstattung. Es gab sogar eine keimfreie Experimentierzelle für die notwendige Bakterienzucht - gut abgeschottet, damit seine "Lolitas" in aller Ruhe und ohne Gefahr für ihn C2 in ihren hübschen, kleinen Plasmiden bilden konnten. Für die süße, verwitwete Katharina wollte er das Calsarcin 2 in einem energiespendenden Müsliriegel deponieren. Sozusagen fürsorglich. Um sie wieder auf die Beine zu bringen nach dem schweren Schicksalsschlag. Und wenn er dann die nächste Stufe geschafft hätte, wenn er sich gegen seine "Lolitas" resistent gemacht hätte, könnte er eine nette Epidemie im Institut auslösen. Er gluckste ein heiteres Lächeln vor sich hin, während vor seinem geistigen Auge dieser und jener Kollege akutes Herzrasen bekam und mit gequält überraschtem Ausdruck auf dem Gesicht verendend zusammenbrach.

Dann geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Er bemerkte, dass er vergessen hatte, die Tür zur Experimentierzelle seuchensicher zu verschließen und sein eigenes Herz begann extrem zu rasen.

Was blieb, war ein gequält überraschter Ausdruck auf dem Gesicht des verstorbenen Enzymators. Und etliche freie "Lolitas". Tja.

Veröffentlicht in: medium² - kasseler asta + zeitung (Februar 2009).

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Bremer und die Ameisen

Bremer saß gemütlich in der Abendsonne auf seiner Terrasse und schlürfte ein schönes kühles Bierchen, als er die neue Ameisenstraße entdeckte, die frecher Weise direkt neben ihm in Richtung Hausecke verlief. Emsig und schnurgerade schleppten die Tierchen erstaunliche Lasten. Ein paar buckelten sogar so was wie eine tote Motte! Bremer war sauer: Das ist meine Terrasse. Das stört die Ästhetik. Ich hab Feierabend und da will ich keine bescheuerten Arbeitstiere sehen! Jetzt gibt’s Doping.

Gerade wollte er das bestens erprobte Ameisengift holen, als ihm etwas Erstaunliches auffiel: Einige besonders große und irgendwie grün schimmernde Exemplare stoppten mit Zweiglein den Zug und versperrten die Straße. Rechts und links Posten. Da kam keiner mehr durch. Eine Straßensperre! Die Lastenträger sausten hektisch durcheinander. Manche liefen im Kreis und es gab sogar welche, die einfach umfielen und wie tot liegen blieben.

Bremer und die Ameisen (Heike Grüning, Nov. 2008) Schließlich mischten sich die Grünlichen unter den Stau und allmählich - Bremer glaubte seinen Augen nicht zu trauen – entstanden mehrere „Grenzübergänge“. Fünf ordentliche Schlangen warteten auf Abfertigung, das hieß, wer seine Last vor der Schranke abgelegt hatte, durfte passieren und dem alten Straßenverlauf ohne „Altlasten“ folgen. Und die Beute wurde von Grünlichen zu einem schnell wachsenden Depot am Straßenrand gebracht.

Und dort stand doch tatsächlich noch so ein Oberguru in ebenfalls grünem Outfit, das zusätzlich und  würdevoll mit zarten orangen Streifen verziert war. Allem Anschein nach der Chef in Nadelstreifen!

Bremer rannte zum Kühlschrank und holte sich Biernachschub. Die gewohnte, normale Tätigkeit beruhigte ihn etwas. Er hebelte extra leise den Deckel ab und trank vorsichtig und sensationslüstern nach unten schielend.

Als er noch darüber nachdachte, wie die wohl die ganze Beute abtransportieren, die sich da inzwischen zu einem ansehnlichen Hügel türmte, wurde ein aggressives Summen laut und plötzlich stürmte eine Batterie Wespen in V-Formation um die Hausecke.
Diesmal ignorierten sie Bremers Bier und stürzten sich einer Sturmstaffel gleich auf die Ameisen, aber nur auf die, die in den Schlangen auf Abfertigung warteten. Und wie die abgefertigt wurden! Ein Gemetzel! Ein Fressgelage ohne gleichen! Bremer bekam Gänsehaut im Nacken und Schweiß auf der Stirn.

Während die Aggressoren ihr eiweißhaltiges Abendbrot verschlangen, rollten die Grünlichen aus der Beute etwa gleich große handliche Kügelchen – genau so  viele, wie Wespen da waren. Und dann sah Bremer das Unfassbarste: Die Ameisenpiraten sattelten auf, d.h. sie krabbelten auf die Rücken der Wespen und die Wespen schnappten sich noch die Beutekugeln und tschüssikowski!

Ja und die Ameisennormalos? Die schnappten sich die Reste ihrer angeknabberten Artgenossen als Beute und marschierten in Reih und Glied die alte Straße entlang, als sei nichts gewesen.
Bremer sah am Terrassenrand eine dicke Spinne, die das ganze ebenso interessiert verfolgt hatte wie er und jetzt regelrecht nachdenklich aussah.

Auch er dachte noch einige Biere lang über die Frage nach, woher die kleinen Viecher bloß solche grausamen Ideen hatten, entschied dann aber, dass nicht sein kann, was nicht sein darf  und ging ins Bett.

Veröffentlicht in: medium² - kasseler asta + zeitung (Dezember 2008).

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Rosalinde Rüssel - BIO for Ever

Die sich allein erziehende Akademikerin Rosalinde Rüssel plagten heftigste Tagträume - von den nächtlichen Ausschweifungen ihres überwachen Gehirns ganz zu schweigen. Und jedes Mal, wenn sie sich im Spiegel begutachtete, kräuselten sich ihre schon von Haus aus etwas weit vorgewölbten Lippen noch weiter nach vorn und beim Sprechen flatterten sie so beutelartig.

Da sie Familie und Freunde als zu weit unter ihrem Niveau betrachtete, stand der Rosi weder die eine noch die andere Intimberatungsvariante zur Verfügung. Auch Kollegen waren ungeeignet, denn die, die sich fürchterlich vor Frau Dr. Rüssel fürchteten, hätten die Frage nach flatternden Beutellippen für eine böse, böse Falle gehalten, und von den anderen glaubte Frau Doktor schon lange, dass sie sich hinterrücks über ihr Äußeres und Inneres totlachten.

Rosalinde RüsselDer Hausarzt schickte sie zum Psychologen. Dieser nette Mann entwickelte mit spontaner Begeisterung größtes Verständnis, denn bei ihm seien es die Ohren! Er präsentierte seiner verwunderten Patientin zwei zwar sehr große, ansonsten aber völlig normale Exemplare, von denen er allerdings behauptete, sie ließen sich auffalten wie tellergroße Fächer und alles sei dann extrem laut und der Kappilargesang des Gummibaumes übertöne noch das Rauschen der Blutgefäße.

Rosalinde Rüssel war verzweifelt.Eines abends, nach dem Verzehr von Tomatensalat, gedünsteten Maiskölbchen und einem kleinen Hühnerbein, übermannte sie plötzlich eine heftige Vision: Sie konnte in ihr kleinstes Inneres schauen und sah vollbekiffte Aminosäuren und blitzblaue Proteine, die den blanken Genvandalismus betrieben.Da vergewaltigte ein Enzym das andere und die Hormone versammelten sich an den unmöglichsten Orten, um haltlos ausschweifend Samba zu tanzen!!!

Jetzt konnte sich Rosi einiges erklären, z.B. warum sie neulich vor ihrer japanischen Nachbarin Harakiri begehen wollte: ungebremste Testesteronüberflutung (Gott sei Dank wenigstens noch sozial determiniert)! Warum sie schon den Morgen hasste - der hyperaktive Nachtstress - na klar: zu wenig Melatonin! Oder warum ihre Körbchengröße innerhalb einer Woche von 70C auf 80D angeschwollen war: Flutwellen von Östrogenen!

Doch Rosalinde Rüssel wollte weder großbusig leben, noch japanisch-heldenhaft sterben. Und sie wollte auch keinen Rüssel! Also beschloss sie, sich gegen die Genmanipulation zu wehren: Deutsch, bürgerlich, siegessicher marschierte sie ganz im Sinne der Rückverfolgung der GVO`s vorbei am preiswerten Supermarkt schnurstracks zum Bioladen.

Nie wieder sollten holländische Tomaten oder Gen-Mais gefüttertes Fleisch ihre DNS-Stränge erreichen dürfen! Jawohl. Die kleine, dürre, fast haarlose Verkäuferin im Bioladen war gerade mit dem Aufbringen von BIO-Etiketten beschäftigt und drehte sich ertappt- erschrocken zur energisch hereinplatzenden Rosi um.

Und was musste unsere entsetzte Protagonistin sehen: Die Bioproduktvertreterin hatte sich ihre merkwürdig verlängerten, herabhängenden, lederlappenartigen Augenlider mit grünem Klebestreifen an die Stirn hochgeklebt, so dass sie das dort leuchtende Tattoo “BIO for ever” hübsch einrahmten. In ihren übergroßen Puppillen blinkte rhythmisch ein goldenes Eurozeichen.

Veröffentlicht in: medium² - kasseler asta + zeitung (November 2008).

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Zellspartakus

Es war einmal eine kleine RNA-Polymerase, genannt Polynchen, die fleißig in einer hübschen Leberzelle schuftete und aufs sehr genaue Kopieren achtete, damit ja die richtigen Infos aus der DNA-Zentrale bei den ungeduldigen Aminosäuren abgeliefert wurden. Denn schließlich sollte die Leberzellenheimat beschützt, behütet, gepflegt und gehegt werden.
Da sie selbst aus einer solchen Infokette hervorgegangen war, wusste sie um den Wert und die große Verantwortung ihrer Plackerei; und ihre Vorfahren hatten es schon so gemacht und ihre Nachfahren würden es ebenso halten – hoffentlich!?

In letzter Zeit empfand sie immer wieder einen unterschwelligen Frust, weil es kaum noch Arbeitspausen gab. Dauernd kam vom Brain die Anweisung zur Reparatur von Zellschäden, so dass dem Mutterhaus „Lebercity“ schon Angst und Bange wurde und ständig Überstunden geschrubbt werden mussten.

Da Polynchen eher schüchtern war, hatte sie ihre burn out – Syndrome bisher niemandem anvertraut, doch allmählich empfand das abgekämpfte Polymerasilein die Welt furchtbar leer und sinnlos und kleine Entsetzensfetzchen von Selbstmordgedanken durchzitterten sie immer wieder. Da beschloss sie, eine der wenigen Arbeitspausen zu nutzen, um sich ihren beiden engsten Freunden anzuvertrauen:

Nachdem Polyano und Merasina die verzweifelte Schilderung ihrer Freundin angemessen mit Anteilnahme bedacht hatten, ging man zur Strategie der Konfliktlösung über:

„Habt ihr schon gehört, dass der Brain bei allen Menschenkörpern von Geburt an schizo ist?“, fragte Polyano und Merasina hakte sofort altklug ein: „Ja klar, der Brain will ewig leben und gleichzeitig dauernd genießen und wir müssen es richten. Das geht doch gar nicht!“

Unser zartes Polynchen fragte eher nachdenklich, als dass es sagte: „Also rutschen wir aus der Symbiosedemokratie in die Parasitendiktatur und der Brain ist der Diktator?“ „Genau, genau,“, rief der aufgeregte Polyano, “du hast den Kern der Zelle getroffen. Aber stellt euch vor: Es gibt in der Zellgemeinschaft von „Darmcity“ eine Widerstandsgruppe, die sich Spartakus-Krebs nennt. Die haben die MRNA besetzt und boykottieren das exakte Kopieren. Und die – stellt euch das mal vor - sind total unabhängig vom Brain! Sie vermehren sich wie die Karnickel und leben ohne Altersbeschränkung fröhlich vor sich hin und bilden überall Geheimzellen.“

Alle drei schwiegen andächtig.

Plötzlich gab es ein unangenehmes Schmatzgeräusch und durch die geplatzte Zellwand lugte die kecke Erscheinung eines hyperaktiven Spartakianers.

Die Übernahme der Leberzellen erfolgte ohne großen Widerstand – eher mit wehenden Fahnen und alle freuten sich auf die nun anbrechende Zeit der anarchistischen Selbstbestimmung, wenn sie auch lebenstechnisch kurz sein sollte.

Außer der Brain natürlich.

Und außer den Introns, die sich zwischen den verzweifelt nach Ordnung rufenden Exons schön verschlüsselt hielten, denn in ihrem Safe schlummerte die zukünftige Regierungsform.

Aber da würde nun genau dieser arme Brain nicht mehr drauf kommen.

Tja.

Heike Grüning, Mai 2010

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KSDS (Körper sucht den Superstar)

Dieser Wettbewerb fand das erste Mal statt, denn aus den Medien hatte sich nun endlich auch im Körper verinnerlicht, dass es Bessere und Schlechtere gibt. Körperweltweit bewarben sich die Organe um die Teilnahme am Messen der Qualitäten. Die Bewertungskommission bestand aus hoch qualifizierten Fachkräften und jede hielt sich für ein einzigartiges Spitzenprodukt.

Vorsitz hatte das Herz – der Porsche unter den Antriebskräften, wie es selbst von sich behauptete. Sein Spruch: „Alle Organe stehen still, wenn mein Muskel nicht mehr will!“
In Konkurrenz mit ihm befand sich das Gehirn, das sich selbst als neurologischen Überflieger empfand und dem Herz ständig reinquatschte. Seiner Meinung nach war das Herz nichts weiter als eine blöde, dumpfbackige Maschine ohne Sinn fürs Schöne. „Bei dem geht’s doch nur um Menge und Rhythmus“, mokierte das impulsgeladene Denksystem gerne.
Der dritte Part dieses rivalisierenden Gremiums wurde vom Darm besetzt, der eher volkstümlich propagierte: „Wenn ich keine Scheiße produzieren würde, könntet ihr im Dreck ersticken! Bei mir geht’s scharf und heftig zur Sache und wenns nicht schmeckt, dann wird gefurzt und dünn gepfiffen, bis der Arzt kommt.“
So that.
Die Bewertungskategorien wurden nach einem Effektivitätsverfahren ausgewählt, in dem alle Bewerber drei Bereiche hochleistungsmäßig absolvieren mussten:

  1. Haut den Lukas!- Energieexplosion (ein Herzenswunsch)
  2. Posieren auf dem Modellaufsteg, um mit Formqualität und Zellsauberkeit zu glänzen (ein Denkanstoß)
  3. frivoles La Paloma tanzen, um Gifte los zu werden (ein Ausscheidungsprodukt)

Alle rockten los und Gewinner wurde die Blase. Sie hatte unzweifelhaft den Vorteil, zum Körper eines straffen Biertrinkers zu gehören und mit einem hart antrainierten Volumen glänzen zu können, das bei Höchststand dazu führte, dass sie hübsch glatt und prall und blitze blank aussah. Und die Entleerung war natürlich ein augenfälliger Superlativ der Spontanentgiftung!

Alle anderen Teilnehmer waren nach diesem Vorteilssieg ob der Entwürdigung ihrer selbst beleidigt und schalteten sich ab.
Da nutzte nun der Hochstatus der ehrenwerten Jury und der Jubel der Blase nichts – und Bier gabs auch keins mehr.

Heike Grüning, Mai 2010

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En Sof – das Unsichtbare, das keinen Namen hat

Es trafen sich einmal ein Physiker, ein Biochemiker, ein Mediziner und ein Techniker bei Anne Will, um über die Zivilisation als technische Seite der Kultur zu diskutieren.

Der Physiker beginnt mit den Quanten und dringt tiefer zu den Spins und endet hoffnungsvoll jammernd: Er werde schon irgendwann wissen, wo sie sind und was sie da tun.

Und Anne will, aber kann nicht.

Der Biochemiker schwärmt vom Spleißen der Introns, weil sie ja überflüssig seien – oder doch nicht – oder vielleicht könnte man sie dekodieren, aktivieren, transkripieren, um …

(Anne will, aber kann nicht) …

vielleicht Krebszellen zu nutzen, ihre Fähigkeit, sich, ohne je zu altern zu vermehren, fällt ihm der Mediziner ins Wort und visioniert von der Rekonstruktion verloren gegangener Zellen, ja ganzer Organe im Körper selbst und vom Körper selbst, sozusagen,

… und Anne will, aber kann nicht …

und hinter dem Mediziner flimmert das Erscheinungsbild seines Institutsleiters mit dem Abakus in der Hand -

und der Techniker fällt ins Wort mit besserwisserischer Wichtigkeit. Er beschreibt den Menschen ganz nachsichtig und einfühlsam als Bausatz, als Konstruktion aus Chips und Bytes und Anne will, aber kann nicht.

Und in der Ecke, absichtlich völlig unbeachtet, klein, zusammengeschrumpft aufs Unwesentliche, sitzt der Ethiker, denkt an das Numinose und fragt sich nach dem Sinn.

Heike Grüning, April 2010

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